Archiv für Mai, 2007

Es war einmal: Stud.IP 0.1 – Eine Arbeitserleichterung muss her!

27.05.2007

Herbst 1999. In einer heruntergekommenen ehemaligen Kinderklinik sitzt eine kleine Gruppe von Menschen beisammen und will „etwas mit Internet und Datenbanken machen”. So verschieden die Typen auch sind – sie haben zwei Dinge gemeinsam: Alle sind für die Internetseiten ihrer Institute verantwortlich. Und alle haben eigentlich etwas besseres zu tun.

„Ich habe eine Idee!“, ruft irgendwann ein jünger Teilnehmer begeistert. „Wie wäre es, wenn wir eine Oberfläche für die Kaffeemaschinensteuerung in unseren Institutsküchen schreiben? Man könnte sehen, wie viel Kaffee noch vorhanden ist und per Internet neue Kannen aufsetzen und…“
Ein langhaariger Biologe blickt ihn ungläubig an. „Nein. Das funktioniert nicht.“
„…Kaffeerezepte über das Internet austauschen. Nicht? Warum nicht?“
„Kaffeemaschinensteuerungen sind Closed-Source. Damit können wir hier nicht arbeiten. Wir machen hier Open-Source“
Der Biologe erklärt das Konzept von OpenSource. Alle nickten betroffen und grübeln weiter.
Ein blonder Soziologe meldet sich zu Wort: „Ich habe da so ein Projekt, das nennt sich ESO und das steht für „elektronischer Seminarordner”. Klingt gut, oder? Allerdings muss man alles von Hand machen. Vielleicht kann man das irgendwie automatisieren, so dass die Studierenden ihre Dokumente selbst hochladen können?“
Plötzlich wird es unruhig im Raum, die Gesichter erhellen sich und „Arbeitserleichterung“ steht allethalben auf die Stirne geschrieben.
„Ist so etwas schwer zu programmieren? Wer kann überhaupt programmieren? Und wie soll das realisiert werden?“
Wieder ist es der Biologe, der die aufkommende Panik verhindert.
„Diese Anwendung soll in PHP geschrieben werden und eine Datenbank namens MySQL nutzen. Wir brauchen einen Linux-Server. Ich habe gesprochen.“
Der Initiator der Runde und Besitzer des Büros, ein Kommunikationswissenschaftler, bekommt Flecken im Gesicht.
„Linux? Ein kostenloses Betriebssystem? Können wir das nicht auf Windows programmieren? Da kenne ich mich wenigstens aus! Ich will das nicht. Das macht mir alles Angst!“
Der Biologe erklärt seelenruhig die Vorteile des freien Betriebssystems, duldet keine Widerrede und installiert bei dem nächsten Treffen vor staunenden Augen das fremdartige Stück Software. Alle sind begeistert. Der Biologe und der Kommunikationswissenschaftler einigen sich darauf, sofort mit den Programmierarbeiten anzufangen und die Ergebnisse so bald wie möglich in einem Seminar zum Thema Kurzfilmpraxis einzusetzen.
„Wo fangen wir nur an? Ich habe hier zwar das teuerste und dickste Buch zum Thema PHP-Programmierung gekauft, aber können wir nicht erstmal etwas einfaches und fertiges nehmen und das als Grundlage verwenden? Ich könnte zum Beispiel für mein Seminar ein Forum gebrauchen, denn meine Studierenden sollen Drehbücher diskutieren. Ich bin schließlich Kommunikationswissenschftler!“.
Der Biologe setzt sich an den Rechner und nimmt einige versierte Handgriffe vor. Nach etwa 15 Minuten hat er auf dem neuen Server ein einfaches Forum installiert. Der Kommunikationswissenschaftler kann es kaum glauben, ist aber schon nach wenigen Minuten ausprobieren unzufrieden.
„Das ist unglaublich. Allerdings muss das ganz anders. Ich hab da schon eine Handvoll Ideen. Mann muss sofort sehen können, was neu ist. Und wer am meisten geschrieben hat, damit die Studierenden untereinander in einen Wettstreit um den aktivsten Teilnehmer treten. Und jeder muss sich selbst darstellen können und…“

Wenige Tage später kommt die Kerngruppe wieder zusammen. Inzwischen existiert ein einsatzfähiges Forensystem und der Kommunikationswissenschftler ist noch immer dabei, neue Ideen zu verkünden.
Sofort werden Teilnehmer des Seminars Kurzfilmpraxis gezwungen, dieses Forum zu nutzen. Die erste Funktion des bisher noch namenlosen Stud.IP ist entstanden.

_.png

Wo seid ihr?

12.05.2007

Ich glaube ja eigentlich nicht an solchen Schnickschnack, aber wenn man ein Zeichen, einen Wink und nicht nur einen kleinen sondern schon den sprichwörtlichen mit dem Zaunpfahl bekommt, sollte man der Sache vielleicht doch mal nachgehen und seiner Bestimmung folgen. Vorhin haben wir in gemütlicher Runde das Gummibären-Orakel befragt. Es ging der Reihe nach und die Runde staunte. Das Orakel kannte uns alle! Die Deutungen des Orakels stimmten meist zu 109%. Ich war an der Reihe und zog: “Zwei rote, ein gelbes, ein weißes und ein orangenes Bärchen”.

Mir schwante nichts Gutes. Irgendwie hatte ich es ja schon immer gespürt: Irgendetwas stimmt in meiner Umgebung nicht. Ich konnte bisher nur nicht genau sagen was es ist, nur so ein ständiges ungutes Gefühl in der Magengegend.

Unsere Gäste sind längst gegangen und ich sitze am Computer und surfe etwas ziellos kreuz und quer durchs Internet. Im Hinterkopf geistert immer noch der Spruch des Orakels umher und treibt sein Unwesen.

“… Ein Fremder schleicht Richtung Badezimmer – mit einem Messer in der Hand!
Grusel! Schrei! Schock!…”

Ich bin auf den Seiten von SourceForge angekommen, und freue mich über die Stud.IP-Downloadzahlen. Die Version 1.5 ist seit 4 Wochen online und wurde bereits 400 mal herunter geladen. Die vorherige Version hat es auf über 3000 Downloads geschafft. Plötzlich habe ich einen Satz von der letzten Tagung wieder im Ohr, ich glaube, er war von Marco:
“Es gibt ca. 60 bekannte Stud.IP Installationen.”

400 – 3000 – 60 – sechzig, dreitausend bzw. vierhundert.

Die Zahlen passen doch irgendwie nicht zueinander. Da ist eine Differenz von 340 bzw. sogar 2940. Ich bekomme eine Gänsehaut – die Nackenhaare stellen sich auf. Sie können doch nicht zu Dutzenden von schwarzen Krähen angefallen oder schlimmer noch hinter Duschvorhängen … ich kann gar nicht dran denken. Tausend Gedanken schwirren mir plötzlich durch den Kopf. Irgend jemand lädt da junge ahnungslose Stud.IP’s herunter und lässt sie verschwinden. Gibt es irgendwo ein schwarzes Loch in den Weiten des Internets, in das sie wie die Lemminge einer nach dem anderen hineinmarschieren? Oder steckt da etwa die Konkurrenz dahinter? Aber nein, so verzweifelt kann sie doch noch nicht sein, dass sie Stud.IP’s fängt und für Experimente in kleine Käfige steckt, verkabelt und beobachtet?
Schnell bin ich bei google und fange an zu suchen. Aber was ich auch eingebe, es werden nicht wirklich mehr … Als letzten Versuch richte ich eine Mailadresse ein:

vielleicht haben es ja doch ein paar geschafft und konnten sich befreien und/oder entkommen …
Voller Frust beiße ich den Orakelbären erst den Kopf ab und verschlinge sie dann ganz.
So, selbst schuld! ;-)

Stud.IP ist Millionen wert!

11.05.2007

Der große Vorteil von Open-Source-Projekten ist die dahinterstehende Manpower. Durch die Mitwirkung vieler Freiwilliger fließen mehr Personenstunden in den Code und das Testing, als ein einzelnes Unternehmen es sich jemals leisten könnte.
Nunja, vielleicht mit Ausnahme von MicroSoft und Google.

Nehmen wir mal an, ein Unternehmen möchte Stud.IP nachprogrammieren.
Von Grund auf.
Was müsste dafür investiert werden?
Die Antwort liefert OhlOH, ein Web 2.0-Service der lustigeren Sorte. OhlOh wird mit den Daten eines Entwicklungssystem gefüttert.

Ein solches Entwicklungs- oder Versionsverwaltungssystem muss man sich wie eine Werft vorstellen. Darin liegt die Software (das Schiff) im Trockendock. Alle Entwickler arbeiten daran, verbessern hier was, fügen dort neue Teile hinzu oder schrauben einfach ein wenig herum. Dabei steht der Werftvorarbeiter hinter den Schraubern und protokolliert jede einzelne Änderung akribisch auf seinem Klemmbrett. Sollt nun durch ungeschickte Schrauberei das Heck des Schiffes versehentlich explodieren, kann der Vorarbeiter alarmiert und auf Knopfdruck alle Änderungen rückgängig gemacht werden um den alten Zustand wieder herzustellen.
Die Werft kann noch mehr, aber das interessiert hier gerade nicht.
Wichtig ist, dass in dem Entwicklungssystem der gesamte Code liegt, sowie die Informationen wer-was-wann-wo-gemacht hat.

OhlOh wertet Informationen von Entwicklungssystemen (unseres heist übrigens SUBVERSION – wie auch sonst, knick-knack, sie wissen schon) aus und stellt die Ergebnisse zur Verfügung.
Dennis Reill, vormals Mitglied der Stud.IP CoreGroup, hat OhlOh mal mit den Daten des Stud.IP-Versionsverwaltungs- und Entwicklungssystems gefüttert. Die Ergebnisse sind durchaus interessant und führen einem mal wieder vor Augen, wieviel eigentlich in Stud.IP steckt.

Um auf die Frage zurückzukommen, was man investieren müsste um Stud.IP neu zu schaffen:
Stud.IP soll, allein von der investierten Arbeitszeit her, 4.6 Millionen Dollar wert sein. Das entspricht etwa 3.407.750 Euro (oder 345.887.800 Angolanischer Kwanza).
Zumindest wenn man davon ausgeht, dass ein Programmierer rund 50.000 US-Dollar pro Jahr verdient. Tatsächlich sind deutsche Programmierer besser bezahlt als Ihre amerikanischen Kollegen. Nimmt man die c´t-Gehaltsstudie für Angestellte als Grundlage, kommt man bei einem durchschnittlichen Gehalt auf einen Wert von rund 4,8 Millionen Euro (das entspricht rund 428.404.541 Bangladeschischer Taka).
Beeindruckend, nicht wahr?

Man bräuchte rund 84 Mannjahre an Arbeitszeit, rechnet OhlOh aus, um die 320.000 Zeilen Code nachzuprogrammieren. Außerdem stellt die Seite gleich noch ein Zeugnis für das Projekt aus, prophezeit die Zukunft und gibt Statistiken an, wer wohl der fleissigste Programmierer ist.

Alles in allem ein netter Spaß, den sich jeder mal ansehen sollte: http://www.ohloh.net/projects/5227
Für den Fall, dass jetzt jemand auf die Idee kommt uns kaufen zu wollen: inkl. aller NICHT im Subversion erfassten Tätigkeiten dürfte Stud.IP rund 15 Millionen Euro wert sein.
Runden sie auf 20 und wir kommen ins Geschäft.
Vielleicht ;-)