Archiv für Oktober, 2007

Es war einmal: Stud.IP 0.3 – Arbeiten am offenen Herzen

20.10.2007

Ende 2000: Die Studierenden am frisch gegründeten Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft an der Universität Göttingen dürfen zum ersten Mal einen Blick in die Glaskugel werfen, die die Zukunft der digitalen Lernumgebungen an deutschen Hochschulen zeigt. Noch herrscht jedoch Unsicherheit ob der vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch Stud.IP ergeben:

„Der Herr Stockmann hat gesagt, dass wir die Unterlagen zu seiner Lehrveranstaltung nur im… ähm… Studdipp bekommen, oder wie das heißt. Wie geht denn das?“
Cornelis und André unterbrechen leicht genervt die Arbeit und schauen sich an.
„Los, du bist dran. Ich muss hier noch dringend den Bildupload korrigieren.“
„Ich kann nicht, ich habe hier noch 5 Fehler im Dateibereich und in 30 Minuten gibt Ralf eine Einführung in der Grundlagenveranstaltung mit 250 Teilnehmern, da muss das wenigstens so aussehen, als würde es funktionieren. Außerdem ist deine Teemaschine schon wieder kaputt, du bist uns also noch was schuldig“

André seufzt, räumt einen Kasten Kabel weg, so dass die blutjungen Studierenden Platz genug haben um in das mit viel zu viel Computermüll vollgestellte Büro der EDV-Abteilung eintreten zu können.
Da die Nutzer kaum ahnen können, welche großen Ziele sich die Programmierer vom ersten Tag an gesetzt haben, sind sie auch mit dem halbfertigen Konstrukt ausgesprochen zufrieden. Dank der zwangsweisen Nutzung in den wichtigsten Lehrveranstaltungen des ZiM wird Stud.IP schnell angenommen. Dass allerdings tatsächlich immer mehr reale Menschen die Software benutzen, ist für die Programmierer zunächst schwer zu fassen.

„Das System läuft erst seit 6 Wochen und wir haben schon 287 Nutzer, kaum zu glauben!“
„Machen wir ein Fass auf“
„Ihr müsst heute Abend noch ein paar Bugs fixen, da ist mir heute noch so einiges aufgefallen“ kommt Ralf die Stimmung verderbend hinzu.
„Dreck, na, dann machen wir eben kein Fass auf.“
„Aber jetzt schon 288 Nutzer!“

Allerdings treibt Ralf nicht nur die Programmiererkollegen an, sondern auch sich selbst: Seine ganze Liebe gilt dem Forensystem. Bei den mittlerweile üblichen Treffen, die jede Woche Abends im kalten Hörsaalgebäude während eines Unikinos stattfinden, programmiert er mit Bier und Notebook auf den zugigen Fluren weiter, vor allem wenn wieder einmal alle Beiträge verschwunden sind oder diese willkürlich Personen zugeordnet werden.
Diese Arbeiten am offenen Herzen des neugeborenen Systems führen in der Anfangszeit des Öfteren zum Chaos: Versionsverwaltung, Testsysteme, automatischer Abgleich der Arbeit von verschiedenen Programmierern an gleichen Systemteilen sind noch lange nicht eingeführt. Jede Änderung wird direkt in den laufenden Betrieb geworfen, erbitterte Kämpfe, wer denn zuletzt die richtigste Änderung an einer Datei vorgenommen hat, gehören zum Alltagsgeschäft.

„Ich habe die ganze Nacht daran gearbeitet, dass alle Seiten die gleichen hübschen blauen Balken oben haben und du hast einfach heute alles überschrieben.“, jammert Cornelis, der sich schon zu diesem Zeitpunkt als unerbittlicher Überwacher der optischen Konsistenz gibt.
„Entschuldige, aber ich musste einfach quer durch das System etwas an den Rechteüberprüfungen machen.“ Auch bei André ist bereits die weitere berufliche Laufbahn zu erkennen, sprich, vor allem die Programmqualität der Software zu überwachen.
„Machst du wenigstens einen Tee?“
„Ich versuchs.“

Im Göttinger-Feedbackforum findet sich noch heute das erste Statement eines Nutzers zu Stud.IP:

„Stud.IP ist eine sinnvolle und praktische Sache, jeder sollte sich meiner Meinung nach (und die ist in diesem Fall zu befolgen!) hier schnellstmöglich registrieren. Denn man kann sich scher einige unnötige Wege und Fragen sparen, wenn man hier den Überblick hat. Die Homepages sind ein nettes Feature, die Seminarübersicht ist sehr gut. Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit lassen nach meinem bisherigen Erkenntnisstand ebenfalls kaum zu wünschen übrig. Wenn das wirklich erst ein Teil der angestrebten Funktionen ist, braucht ja kein Mensch mehr zur Uni kommen, wenn das hier fertig ist. Im Sinne der Erfinder? Egal…“

Aufgrund eines seltsamen Fehlers im Forum irgendwann im Jahr 2001 lässt sich das genaue zugehörigen Datum allerdings leider nicht mehr rekonstruieren…

Ein z auf Urlaubsreise im Ei-Pieh

19.10.2007

Danke für die konstruktiven Kommentare zum letzten Eintrag.
Es gibt natürlich auch das genaue Gegenteil zu solch suboptimal gelaufener Supportkorrespondenz.
Hier ein besonders gelungenes Beipiel:

Sehr geehrter Herr Bohnsack,
auf der sehr mühsamen Suche nach der Auflösung der Abkürzung stud.IP stieß ich erst in Ihrem Glossar auf die folgende Definition:

Kurzbezeichnung für “Studienbegleitender Internetsupport von Präsenslehre”.

Doch nicht wirklich “Präsens”-Lehre! Das ist die Lehre des grammatischen Zeitausdrucks für die Gegenwart. Vielleicht meinen Sie ja “Präsenzlehre”, und das wäre dann die gegenwärtige oder aktuelle Lehre.

Bei einem im akademischen Bereich eingesetzten Programm würde ich mir schon begriffliche Genauigkeit wünschen – und natürlich eine viel schnellere Auflösung des Kürzels. Was mühe ich mich endlos, den Studis zu erklären, dass es gar nicht “schtutt-aipie” heißen kann, weil es ja eine deutsche Abkürzung ist. Helfen Sie uns doch bitte, diesen schaurigen Irrtum aus der Welt zu schaffen. Am besten gleich auf Ihrer eigenen Page!
Beste Grüße,
Prof. Dr. $Name
Zentrum für Sprachforschung
Fachhochschule $-Ort

Ah, ein Klassiker: “Wie wird Stud.IP eigentlich ausgesprochen?” in Kombination mit einem Rechtschreibfehler. Das Ganze schon mit verschmitzt formuliert, daher auch humorvoll beantwortet:

Sehr geehrter Herr Prof. $Name,
vielen Dank für Ihre Nachricht. Sie haben natürlich vollkommen recht, es muss “Studienbegleitender Internetsupport von PräsenZlehre” heißen. Anscheinend hat sich das “z” auf eine längere Urlaubsreise begeben, weshalb das “s” die Vertretung übernehmen musste. Ich werde es umgehend ablösen lassen und ein Ersatz-”z” schicken.

Bei der Aussprache ist der Fall nicht ganz so einfach. Die ursprünglichen Entwickler hatten die Idee, den technischen Begriff “IP” (ei-pieh) mit Studium, Studierender, etc. in Verbindung zu bringen. Daher sprechen wir auch heute noch von Schtudd-Ei-Pieh. Wie Sie richtig bemerken ist dies eine Vermischung von Deutsch und Englisch. Die rein deutsche Aussprache “Schtudd-Ih-Peh” ist daher natürlich ebenfalls nicht verkehrt.

Ich muss Sie in beiden Punkten um Nachsicht bitten: auch wenn Stud.IP heute im akademischen Bereich zu unserer großen Freude stark verbreitet ist entstanden sowohl Glossar als auch Name in einer Zeit, in der die Plattform von wenigen Studierenden und Dozierenden für nur einen Fachbereich entwickelt wurde. Heute würde das vermutlich anders gehandhabt.

Mit freundlichen Grüßen
Marco Bohnsack

Die Antwort darauf will ich an dieser Stelle nicht vorenthalten.

Hallo Herr Bohnsack,

danke vielmals für Ihre ebenso schnelle wie verständnisvolle wie
originelle Reaktion auf die Intervention eines nach Erklärung Suchenden.
Ihre Antwort hat mir weitergeholfen: Ich werde jetzt nicht mehr an
schtutt-aipieh rummäkeln und kann im Zweifelsfall Ihre hilfreiche
Erklärung zitieren.

Dass Sie das so locker nehmen, freut mich in Zeiten ansonsten völlig
übertriebener Verbissenheit besonders. Insofern kann man die Verhältnisse
in der Uni nur mit heftigem Augenzwinkern ertragen.

Nochmals Dank und beste Grüße

Übrigens: Nicht, dass hier ein falscher Eindruck entsteht. Das Anfragen von Nutzerinnen und Nutzern von mir beantwortet werden ist die absolute Ausnahme. Normalerweise ist data-quest nicht für Supportanfragen von Nutzerinnen und Nutzern zuständig, das machen die Admins vor Ort. Unsere Aufgabe ist die Unterstützung der Betreiber an den jeweiligen Standorten (2nd-Level Support) und Weiterentwicklung der Software. Kleiner Hinweis für die Verfasserinnen und Verfasser der Mails die mich in den letzten Tagen erreichten. ;-)

Stud.IP mag Ecuador nicht?

03.10.2007

Die Studierenden sind die wichtigste Zielgruppe von Stud.IP. Wie hier schon öfter ausgeführt wurde und nicht genug betont werden kann: wir, die Entwickler, nehmen Studierende ernst. Die IDEE hinter Stud.IP, die ganze Philosophie, beruht darauf das in erster Linie Studierende mit dem System zufrieden sein sollen.

Anfragen und Hinweise werden ernst genommen, und wo immer es ein Problem gibt, versuchen wir zu helfen. Wir tun das übrigens in unserer Freizeit. Und wir tun es gerne.
Manchmal allerdings… verwirrt mich Supportkorrespondenz einfach nur:

Situation: Studierende schreibt eine Mail mit dem Betreff “Stud.IP mag Ecuador nicht”.

(…) mein problem: die meisten internetcafes blocken studip*
warum? ich finde internet sollte frei machen auch fuer
auslandssemesterstudierende…vielleicht koennt ihr irgendetwas an der einstellung
aendern* (…)

Klar, ich finde auch das Internet frei machen sollte.
Die Mail an sich enthält erst einmal wenige Informationen zum eigentlichen Problem. Dennoch gut das sie sich gemeldet hat – wenn es Schwierigkeiten beim Zugriff aus dem Ausland gibt, sollten wir die natürlich, wenn möglich, ausräumen. Meine Antwort war dazu gedacht, das Problem ein wenig einzugrenzen: mit welchem Stud.IP gab es Probleme? Wurde der Zugriff von allen Internetcafés geblockt oder nur von einigen? Welcher Browser wurde verwendet?

Die Reaktion:

ich wollte in das studip $Meinestadt, aber das ist irrelevant, da ich verschiedene uni und
andere phs zum test oeffnen wollte* was nicht funktionierte* es handelt sich hier um
einen schutz, der wohl diese seite als gefaehlich meldet* aber ich will hier niemand
aergern* (…) ich wollte sie lediglich informieren, falls sich
an diesem problem etwas aendern laesst*

Danke für die schnelle Antwort. Gerne würde ich was am Problem ändern (oder es sogar lösen, aber was genau IST eigentlich das Problem?) Ließ sich kein LogIn durchführen? War die Seite Ihres Stud.IPs gar nicht erreichbar? Gab es Fehlermeldungen? Und welcher Browser wurde verwendet? Ohne spezifischere Informationen kann ich der Sache leider nicht nachgehen.


… lieber herr Dipl.-Sozw. (…)
und bin kein informatiker und desshalb weiss ich auch nicht, welche infos sie
benoetigen um nachzuforschen* sie koennten ja fragen…
(…)
so einen unfreundlichen e-mail verkehr hatte ich noch mit keinem* entschuldigen sie,
dass ich mich gemeldet habe*
tschuesss!

Ähm?!
Ich bin im Dienstleistungsgewerbe groß geworden. JEDE Anfrage wird ernst genommen. Ich bemühe mich immer freundlich zu antworten. Ich urteile auch nicht pauschal über Menschen die ihre eigene Interpunktion erfinden. Oder die der Meinung sind das Groß- und Kleinschreibung etwas ist das nur anderen zustösst.
Umso mehr stösst es mich vor den Kopf, wenn auf, in meinen Augen normale, Fragen eine so ablehnende Reaktion erfolgt.

Studierende sind im Schnitt so um die 20, wenn sie an der Hochschule anfangen. Richtig losgelegt hat die Internetwelle so um 1997. Das heisst: Heutige Studis sind quasi mit dem Netz groß geworden. Ist die Frage nach dem verwendeten Browser heute wirklich so unzumutbar? Gehört es nicht zum emanzipiertem Umgang mit Rechnern und dem Netz, dass man sich Fehlermeldungen zumindest mal ansieht?
Oder bin ich einfach wirklich so borniert wie frau mir unterstellt?

P.S.: Und müsste es nicht heißen: “Ecuador mag Stud.IP nicht?”

#7 Geringstmögliche technische Anforderungen für NutzerInnen.

02.10.2007

Ich durfte längere Zeit mit einer Web-Anwendung arbeiten, die ein komplexes Zusammenspiel aus Javascript, Real-Player und SVG-Plugin realisiert hat, um wirklich tolle Dinge zu leisten. Oder sagen wir bessern: Hätte dürfen. Wenn mich die permanenten Plugin-Download-Aufforderungen, Plugin-Versionsproblem-Meldungen und Browserinkompatibilitäten nicht hartnäckig davon abgehalten hätten. Ich hatte den Eindruck, dass eine der Komponenten immer veraltet war, egal, wann ich das System genutzt habe.

Prinzipiell lässt sich auch als Web-Anwendung fast alles realisieren, was man sich erträumen könnte. Insbesondere für die Entwickler ist es einfacher, sich dabei auf mehr als HTML stützen zu können. Oder exotische Browser außen vor zu lassen. Aktuelle Versionen von jedem und allem zu fordern.

Aber wie sieht das bei den NutzerInnen aus? Jedes zu installierende Plugin, jede Browser-Einschränkung schafft Hürden. Stud.IP ist ein Informations- und Kommunikationssystem, das mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen genutzt wird. Zum Beispiel von einem beliebigen Rechner unterwegs. Da lassen sich keine Plugins installieren. Sollte man deshalb jemanden davon ausschließen, sich für eine Veranstaltung anzumelden?

Deshalb lautet der siebte und letzte Punkt der Stud.IP-Philosophie:

Stud.IP erfordert neben einem Internetzugang und einem Webbrowser keine besonderen technischen Voraussetzungen. Das System ist mit jedem aktuell verbreiteten Browser nutzbar, Javascript und besondere Plugins werden für die Grundfunktionen des Systems nicht benötigt.

Wir nehmen das ernst. Wirklich. Stud.IP lässt sich auch mit Urlaut-Netscapes der Versionen 4.7 (Baujahr 1999) bedienen. Nicht perfekt und manches sieht etwas unschön aus. Aber es funktioniert. Wer jetzt gähnt, laut “Web 2.0!” schreit und sich fragt, wer denn sowas Prähistorisches noch benutzt, dem sei gesagt: Wir finden häufig Sekretariatsrechner, die seit der Jahrtausendwende kein Browserupdate mehr gesehen haben.

Derart alte Browser sind aber nicht der Hauptgrund für die geringen technischen Anforderungen. Beispiel Javascript: Wir wollen weder NutzerInnen mit wenig verbreiteten Browsern aussperren, noch die, die aus Sicherheitsbedenken Javascript abgeschaltet lassen wollen. Darum funktioniert Stud.IP auch ohne Javascript. Etwas unbequemer, aber es tut alles Notwendige. Jetzt zeigt der “Web-2.0!”-Rufer wieder auf. Modernes Web heißt doch Ajax und Drag und Drop und volldynamisch und das ganze eben wie eine Desktopanwendung. Das geht nicht ohne Javascript. Wer darauf verzichtet, baut altbackene, langweilige Sachen.

Das mag stimmen, ein bisschen. Deshalb gibt es ab Version 1.6 auch Ajax-Effekte in Stud.IP. Und eine verbindliche Regelung für den Umgang mit Ajax, die als StEP101 beschlossen wurde. Darin heißt es: “Das System muss weiterhin auch ohne Java-Script vollständig bedienbar bleiben.” Das heißt: Tolle Web-2.0-Effekte — Ja. Aber: Es muss immer noch einen Weg ohne geben. Der kann etwas umständlicher sein, aber – auch wenn das für die Entwickler doppelten Aufwand bedeutet – ohne geht es nicht.

Für Plugins gelten diese harten Auflagen übrigens nicht zwangsläufig. Überlegen Sie deshalb als Betreiber gut, ob Sie Ihren NutzerInnen mit installierten Plugins Steine in den Weg legen, die der Einsatzzweck nicht rechtfertigt.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu #6 Unterstützung für alle statt Spezialfeatures für wenige.