Archiv der Kategorie: 'Philosophie'

#7 Geringstmögliche technische Anforderungen für NutzerInnen.

02.10.2007

Ich durfte längere Zeit mit einer Web-Anwendung arbeiten, die ein komplexes Zusammenspiel aus Javascript, Real-Player und SVG-Plugin realisiert hat, um wirklich tolle Dinge zu leisten. Oder sagen wir bessern: Hätte dürfen. Wenn mich die permanenten Plugin-Download-Aufforderungen, Plugin-Versionsproblem-Meldungen und Browserinkompatibilitäten nicht hartnäckig davon abgehalten hätten. Ich hatte den Eindruck, dass eine der Komponenten immer veraltet war, egal, wann ich das System genutzt habe.

Prinzipiell lässt sich auch als Web-Anwendung fast alles realisieren, was man sich erträumen könnte. Insbesondere für die Entwickler ist es einfacher, sich dabei auf mehr als HTML stützen zu können. Oder exotische Browser außen vor zu lassen. Aktuelle Versionen von jedem und allem zu fordern.

Aber wie sieht das bei den NutzerInnen aus? Jedes zu installierende Plugin, jede Browser-Einschränkung schafft Hürden. Stud.IP ist ein Informations- und Kommunikationssystem, das mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen genutzt wird. Zum Beispiel von einem beliebigen Rechner unterwegs. Da lassen sich keine Plugins installieren. Sollte man deshalb jemanden davon ausschließen, sich für eine Veranstaltung anzumelden?

Deshalb lautet der siebte und letzte Punkt der Stud.IP-Philosophie:

Stud.IP erfordert neben einem Internetzugang und einem Webbrowser keine besonderen technischen Voraussetzungen. Das System ist mit jedem aktuell verbreiteten Browser nutzbar, Javascript und besondere Plugins werden für die Grundfunktionen des Systems nicht benötigt.

Wir nehmen das ernst. Wirklich. Stud.IP lässt sich auch mit Urlaut-Netscapes der Versionen 4.7 (Baujahr 1999) bedienen. Nicht perfekt und manches sieht etwas unschön aus. Aber es funktioniert. Wer jetzt gähnt, laut “Web 2.0!” schreit und sich fragt, wer denn sowas Prähistorisches noch benutzt, dem sei gesagt: Wir finden häufig Sekretariatsrechner, die seit der Jahrtausendwende kein Browserupdate mehr gesehen haben.

Derart alte Browser sind aber nicht der Hauptgrund für die geringen technischen Anforderungen. Beispiel Javascript: Wir wollen weder NutzerInnen mit wenig verbreiteten Browsern aussperren, noch die, die aus Sicherheitsbedenken Javascript abgeschaltet lassen wollen. Darum funktioniert Stud.IP auch ohne Javascript. Etwas unbequemer, aber es tut alles Notwendige. Jetzt zeigt der “Web-2.0!”-Rufer wieder auf. Modernes Web heißt doch Ajax und Drag und Drop und volldynamisch und das ganze eben wie eine Desktopanwendung. Das geht nicht ohne Javascript. Wer darauf verzichtet, baut altbackene, langweilige Sachen.

Das mag stimmen, ein bisschen. Deshalb gibt es ab Version 1.6 auch Ajax-Effekte in Stud.IP. Und eine verbindliche Regelung für den Umgang mit Ajax, die als StEP101 beschlossen wurde. Darin heißt es: “Das System muss weiterhin auch ohne Java-Script vollständig bedienbar bleiben.” Das heißt: Tolle Web-2.0-Effekte — Ja. Aber: Es muss immer noch einen Weg ohne geben. Der kann etwas umständlicher sein, aber – auch wenn das für die Entwickler doppelten Aufwand bedeutet – ohne geht es nicht.

Für Plugins gelten diese harten Auflagen übrigens nicht zwangsläufig. Überlegen Sie deshalb als Betreiber gut, ob Sie Ihren NutzerInnen mit installierten Plugins Steine in den Weg legen, die der Einsatzzweck nicht rechtfertigt.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu #6 Unterstützung für alle statt Spezialfeatures für wenige.

#6 Unterstützung für alle statt Spezialfeatures für wenige.

20.07.2007

Der Tumbau zu Babel
Nicht verwirren, sondern klare Wege anbieten!

»Das Zeugsein des Zeugs besteht in seiner Dienlichkeit. Aber wie steht es mit dieser selbst? Müssen wir nicht das dienliche Zeug in seinem Dienst aufsuchen?« (Heidegger)

In seiner ebenso informativen wie amüsanten Reihe zu den Stud.IP-Anfängen erläutert Cornelis sehr schön, was zum einen Triebfeder der Entwicklung war und zum anderen heute noch Hauptunterschied zu anderen Plattformen ist: Stud.IP ist nicht von der Theorie komplexer E-Learning-Szenarien her gedacht, sondern vom »normalen« Nutzer, der in der »traditionellen« Präsenzlehre deutscher Universitäten zu Hause ist und elektronische Unterstützung sucht.

Das heißt: Stud.IP geht nicht von umfassend medienerfahrenen Nutzern aus, für die ein Mehr an Gestaltungs- und Konfigurationsmöglichkeiten, ein Mehr an unterstützten didaktischen Szenarien, ein Mehr an fein abgestuften Varianten automatisch ein Gewinn an persönlicher Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten ist. Sondern: Stud.IP unterstützt besonders denjenigen, der sich langsam herantasten will an etwas Neues, der dankbar ist, wenn ihm eine Umgebung angeboten wird, die bereits so eingerichtet ist, dass er vertraute Begriffe wiederfindet und die Möglichkeiten und Funktionen nicht für jede Veranstaltung neu suchen und einrichten muss, sondern sich schnell und sicher zurechtfindet.

Deshalb lautet der sechste Punkt der Stud.IP-Philosophie:

NutzerInnen mit technischem Know-How und ambitionierten Sonderwünschen brauchen Stud.IP weniger dringend als Studierende und Lehrende mit Berührungsängsten oder wenig Lust und Zeit zur Einarbeitung in komplexe Abläufe. Stud.IP richet sich vor allem an NutzerInnen, die von der Technik eine grundlegende, einfach nutzbare und überschaubare Unterstützung ihrer inhaltlichen Arbeit erwarten. Deshalb soll nur behutsam von der Möglichkeit Gebrauch gemacht werden, beispielsweise aufwendige Content-Projekte mit Stud.IP zu koppeln.

Wir halten diesen Punkt für einen weiteren wesentlichen Baustein des Stud.IP-Erfolges. E-Learning-Spezialwerkzeuge für E-Learning-Spezialisten gibt es viele. E-Learning-Basiswerkzeuge für erfahrene Praktiker in der Präsenzlehre nur wenige.

Doch die Zeit steht nicht still und die Stud.IP-Entwicklung ebensowenig. Musste man vor zehn, fünf oder auch nur drei Jahren noch davon ausgehen, dass normale Lehrende und Studierende unserer Hochschulen wenig Erfahrung im Umgang mit Online-Medien verfügen und daher auch nur wenige Sonderwünsche konkret formulieren können, hat sich das Bild inzwischen etwas gewandelt. Zum Teil auch dank Stud.IP, denn an den Hochschulen, die das System seit längerem einsetzen, ist die Basisunterstützung und -nutzung selbstverständlich geworden. Der Blick der Nutzer weitet sich und die Wünsche werden spezieller. Hinzu kommt der derzeitige Trend zur Systemintegration. Die Anforderung, Stud.IP mit den vor Ort betriebenen Systemen X, Y und Z zu koppeln, gehört zum Standardanforderungskatalog neu hinzukommender Betreiber.

Dieser sechste Punkt der Stud.IP-Philosophie ist zweifelsohne der, gegen den die Entwickler in der Vergangenheit in gewisser Weise am häufigsten verstoßen haben. Zu leicht landen Features im System, die für einen Standort oder eine bestimmte Nutzergruppe genau richtig und perfekt angepasst sind, anderen aber nur zum Teil schmecken. Diesem prinzipiellen Problem begegnen wir auf zwei Weisen:

Eine Plugin-Schnittstelle erlaubt es, beliebig spezialisierten Code zu produzieren, der nicht zur Stud.IP-Grundausstattung gehört, aber von den Betreibern vor Ort einfach hinzugeladen werden kann. Unter http://plugins.studip.de findet sich eine stetig wachsende Liste veröffentlichter Plugins. Wer die einsetzt muss sich darüber im Klaren sein, dass dort nicht alle Punkte der Stud.IP-Philosophie in gleichem Maße gelten und die Lösungen häufig spezifische Fälle abdecken, die nicht mit den eigenen übereinstimmen. Aber dort wie sonst auch gilt: Die Entwickler sind nur eine handvoll Klicks entfernt und helfen gern und schnell.

Die zweite Möglichkeit, speziellere individuelle Ansprüche an Stud.IP als E-Learning-System erfüllen zu können, besteht in der so genannten E-Learning-Schnittstelle. Mit ILIAS und PmWiki lassen sich zwei Systeme, die multimedial aufbereitete E-Learning-Inhalte samt Autorenumgebung vorhalten können, direkt an Stud.IP anbinden. Zwar findet ein gewisser Bruch statt, das Layout ist nicht identisch, ein neues Fenster öffnet sich, aber damit auch beliebige Gestaltungsoptionen. Spezielle vorgefertige Skins und Templates mildern den Bruch ab und das wichtigste: Alle Fragen der Nutzerauthentifizierung und -authorisierung werden unsichtbar im Hintergrund erledigt.

Mit diesen beiden Optionen wird Stud.IP auch für Sonderanforderungen, Spezialanwendungen und ganz individuelle E-Learning-Szenarien zur Schaltstelle und Drehscheibe. Denn das wird von allen Nutzern an »Stud.IP-Hochschulen« immer wieder als der alles schlagende Vorteil genannt: Endlich alles an einem Platz, endlich alles einheitlich geregelt, endlich alles verständlich und sauber immer und von überall zugänglich.

#5 Dezentrale Erfassung und Pflege von Daten

06.04.2007

Das Recht auf freie Meinungsäußerung hat den Nachteil, dass mitunter auch Widersprüchliches, Falsches, Dummes oder gar Beleidigendes oder Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als dieses Recht abzuschaffen. Mehr noch: Wir verteidigen es als wichtigtige Errungenschaft und erziehen unsere Kinder dazu, sich in einer Welt vielfältiger Meinungen zurechtzufinden.

Die freie Meinungsäußerung in Stud.IP findet ihren Platz an vielen Stellen: In Foren und Wikis, im Chat und auf den persönlichen Homepages. Unter dem Schlagwort »Studierende ernst nehmen« hat sich bereits der zweite Satz der Stud.IP-Philosophie mit dieser Art von Freiheit befasst. Weitergesponnen verlangt der rote Faden durch Stud.IP – nämlich jedem Nutzer selbst Freiheit zu lassen und jeden Nutzer selbst in die Verantwortung zu nehmen – nach Freiheit und Selbstverantwortung auch für andere Informationen, die nicht individuelle Meinung sind, sondern eher offiziellen Charakter haben.

Die Wikipedia macht es vor: Seriöse und verlässliche Informationen können auch dann entstehen, wenn jeder, der glaubt zu wissen, auf reden darf und Kontrolle eher von unten statt von oben ausgeübt wird. Eric Raymonds The Cathedral and the Bazaar argumentiert für die Softwareentwicklung, dass viele kleine Standbetreiber etwas Verlässlicheres zustande bringen können, als ein über allem thronender Baumeister. Für Informationen in Stud.IP heißt das: Lasst diejenigen Veranstaltungsdaten, Sprechstundentermine und akademische Titel eintragen, die es am besten wissen, also Dozenten und Sekretariate anstelle zentral bestellter Administratoren. Auch auf die Gefahr hin, dass mitunter Uneinheitliches, Halboffizielles oder Anmaßendes erscheint. Die Administratoren kann es trotzdem geben, und sie können eingreifen wenn nötig – aber sie sind nicht das Nadelöhr, durch die jede Information vor ihrer Veröffentlichung (und das hießt dann oft: kurz nach dem Verfallsdatum) gehen muss. Und so heißt es im fünften Punkt der Stud.IP-Philosophie:

5. Dezentrale Erfassung und Pflege von Daten.

Nur wenn Informationen auch dort verändert werden, wo sie anfallen, kann ein aktuelles und zuverlässiges Informationssystem entstehen. Die Erfassung und Pflege von Daten erfolgt daher so dezentral wie möglich und so zentral wie nötig: jede NutzerIn pflegt ihre persönlichen Daten, Lehrende betreuen ihre Veranstaltungen, FachbereichsadministratorInnen verwalten die Mitarbeiterlisten ihrer Einrichtungen, eine RaumadministratorIn vergibt von allen genutzte Räume. Zentrale Eingriffe und Beschränkungen durch AdministratorInnen geschehen transparent, d.h. Nutzer werden über Veränderungen ihrer Daten informiert und können jederzeit einsehen, was über sie gespeichert ist.

Wenn ein solches Modell eingeführt wird, sind Ängste da: Dass jemand für Fehler verantwortlich gemacht wird, die nicht in seinem Einflussbereich liegen. Dass renitente Professoren versuchen, Absprachen und Regelungen zu umgehen. Dass Studierende sich Titel anmaßen und Verwirrung stiften. An der Universität Osnabrück beginnt gerade das achte Semester nach der Umstellung vom Kathedralen- auf das Basar-Modell. Das Ergebnis: Ja, es gibt Fehler, es gibt Ungereimtheiten, es gibt Einzelne, die sich freuen, Extrawürste nicht nur braten, sondern auch an den Mann bringen zu dürfen. Aber es gibt auch: Frühere Ungereimtheiten, die plötzlich auffallen, weil Informationen für jeden sichtbar sind. Oder das Gefühl von eigener Verantwortung, weil die Studierenden jetzt beim Dozenten selbst nachfragen, warum die Informationen nicht da sind, wo sie sein sollten. Und: Fehler und Unstimmiges gab es früher auch, denn die verlässliche, immeraktuelle und konsensfindende zentrale Verwaltung von Daten kostet viel mehr, als sich eine Universität leisten kann oder sollte.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu: #4 Orientierung an den Strukturen deutscher Hochschulen

#4 Orientierung an den Strukturen deutscher Hochschulen.

22.12.2006

Echtes E-Learning, das wissen wir ja inzwischen, ist, wenn man SCORM importieren kann und jeder Kurs eine individuelle Navigation bekommt. Alles andere ist Verwaltung. Also – auch das haben wir inzwischen oft genug gehört – ist Stud.IP überhaupt gar nicht mal ein ganz kleines bisschen so etwas wie eine richtige echte Lernplattform.

Erstaunt hat die E-Learning-Experten allerdings, dass Stud.IP so ein großer Erfolg geworden ist. Und das an genau der Stelle, wo andere Projekte gescheitert sind: Beim Übergang vom engagierten, hochsubventionierten Einzeleinsatz zur flächendeckenden Nutzung für ganze Fakultäten, ganze Hochschulen. Warum ist hier Stud.IP offensichtlich besser als andere Plattformen? Wir meinen: Weil es sich an den Strukturen deutscher Hochschulen orientiert:

Stud.IP ist dafür ausgelegt, große Mengen von Veranstaltungen gesamter Hochschulen beherbergen zu können. Deshalb bilden bewährte Kategorisierungen die Grundlage der Organisation und Rechtestruktur und erleichtern die Orientierung in großen Datenbeständen: Fakultäten und Fächer, Studiengänge und Studienbereiche sowie Semester werden in Stud.IP 1:1 abgebildet.

An unserer kleinen aber feinen Universität Osnabrück beherbergt das Stud.IP mittlerweile 20.000 Kurse. Zwanzigtausend. Außerdem mehrere hundert Einrichtungen. Und es gibt über 100 Administratorinnen und Administratoren, die sie hegen und pflegen. Das funktioniert, weil sich die Begriffe und Strukturen in Stud.IP wiederfinden, die auch den Alltag der “echten” Hochschule prägen.

 Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu Eine attraktive und konsistente Benutzeroberfläche.

E Learning Platt Form

11.10.2006

Der Orthograph in mir kann nicht länger schweigen. Von der CampusSource-Tagung wird inhatlich noch zu berichten sein, aber was mir auf großen Plakaten entgegensprang, lässt mich nicht in Ruh.

“Open Source e-Learning Plattformen und Werkzeuge für Ihr Wissensmanagement.”

Hallo Bindestrich? Gestern zu lang gefeiert und es heute nicht mehr aufs Plakat geschafft? Die E Learning Branche scheint besonders an fällig zu sein für das Deppen Leer Zeichen, wie mir schon häufig auf gefallen ist. Nicht, dass je mand nach her behauptet, ich würde die Kollegen von der Campus Source Initiative im Besonderen durch den Kakao ziehen wollen. Das machen alle so.

What to the vulture sind z.B. online Kursteilnehmer? Die können im Gegen Satz zu Onlinekurs-Teilnehmern nicht mal offline sein, z.B. um mal für kleine König’s Tiger… oder so. Da für können sie aber on line bei einem off line Kurs im Lern Management System Teil nehmen.

So eine Lern Platt Form ist eh ein kompli ziertes Ding, was man da nicht alles vorher beachten muss: Prozess Ketten Optimierung, Work Flow Management, E Learning Incentives, Nutzer Support Zentren, Cost Benefit Analysen, Online Material Auto Renn Systeme und, und, und. Klar, dass da runter die ortho Graphie leidet. Aber dann bitte kon sequent: “Open Source E Learning Platt Formen und werk Zeuge für Ihr Wissen Management.”

Mehr unter: http://www.deppenleerzeichen.de

#3 Eine attraktive und konsistente Benutzeroberfläche.

25.09.2006
Stud.IP

Ad pulcritudinem tria requiruntur, integritas, consonantia, claritas. Dreierlei ist der Schönheit wesentlich, Ganzheit, Harmonie und Ausstrahlung. (James Joyce, Ein Portrait des Künstlers als junger Mann).

Als ich an einem trüben Märznachmittag im Jahre 2003 auf Stud.IP gestoßen bin, war es nicht die erste Lernplattform, die mir vor die Füße fiel. Seit knapp einem halben Jahr hatten wir uns mehr schlecht als recht mit WebCT (Campus Edition 3.6) angefreundet, immer wieder mal einen Klick in der Blackboard-Installation unserer Oldenburger Kollegen gewagt und auch das ein oder andere ILIAS benutzt. An jenem Märztage allerdings hat mich, sehr schnell und sehr nachhaltig, die Anmutung von Stud.IP in den Bann geschlagen. Es war auf Anhieb zu merken, dass dahinter etwas anderes steckte als eine oberflächlich zusammengeklebte Sammlung von Tools unterschiedlichster Herkunft. Nämlich: Etwas konsequent Durchdachtes.

Man mag nun das Blau, die Icons, die Bilder angenehm finden oder auch nicht; zumindest dass sie zueinander passen und ein Ganzes ergeben, das lässt sich nicht abstreiten. Man mag der Meinung sein, dass es langweilig sei, in jeder Veranstaltung die gleiche Oberfläche vorzufinden; zumindest aber dass es die einmal gefundene Orientierung erleichtet, das lässt sich nicht abstreiten. Und man mag es unerträglich finden, die Oberfläche nicht mit drei Handgriffen verändern zu können, hier eine andere Farbe, dort ein anderes Bild und wieder anderswo eine andere Schriftart einzustellen; zumindest dass es, so wie es ist, farblich und grafisch aufeinander abgestimmt ist, lässt sich nicht abstreiten.

Die Frage, was an Stud.IP denn anders sei als an anderen Plattformen, endet häufig bei der Oberfläche. Die Erfahrung zeigt – und das zigtausendfach: Benutzer kommen damit zurecht, im Großen und Ganzen. Allumfassende individuelle Anpassbarkeit mag etwas sein, das die Kompetenz der Entwickler, gestaltungsunabhängig zu programmieren im besonderen Maße herausstellt. Aber das darf und sollte freilich nicht dazu führen, die Verantwortung für ein benutzbares System auf Systemadministratoren und Benutzer abzuwälzen. (Leider habe ich keinen Screenshot mehr von dem WebCT-Kurs, dessen Dozent der Meinung war, Exkursionsankündigen gehörten pink, Buchempfehlungen hellbau und besonders wichtige News saftiggrün auf sonnengelb dargestellt.)

Die Frage, was an Stud.IP ganz besonders idiotisch, widersinnig und haarsträubend sei, endet ebenso häufig bei der Oberfläche. Üblicherweise sind es “Web-Profis”, die Stud.IP ganz furchtbar unintuitiv finden, weil es sich nicht an diesen oder jenen De-Facto-Webforum-Standard halte, man nicht einmal HTML eingeben könne oder die Navigation nicht vertikal angeordnet ist. Ja. Und was sagt uns das? (Ein wenig erinnert mich das manchmal an den alten Witz von der Hummel.)

Natürlich ist Stud.IP nicht perfekt gestaltet, ich könnte hier ein halbes dutzend Design- und Usabilitykatastrophen aufzählen, sicherlich, die abgestellt gehören (die drei eben genannten Punkte gehören nicht dazu). Wir arbeiten daran und sind bis dahin überzeugt vom dritten Punkt der Stud.IP-Philosophie:

Einfache Benutzbarkeit und ein ausgewogenes, durchdachtes Design stehen über der Möglichkeit, jeder Veranstaltung ein individuelles Gesicht zu geben. Eine konsistente Bedienung des Systems sorgt dafür, dass Inhalte vor Gestaltung und Finden vor Suchen stehen. Bedienung, Funktionsumfang und Design bilden dabei jedoch nicht drei “konkurrierende” Pole, sondern bedingen und unterstützen einander.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu: Studierende ernst nehmen und wird fortgesetzt in Orientierung an den Strukturen deutscher Hochschulen.

#2 Studierende ernst nehmen.

17.09.2006
Kontrolle
So nicht! (Photo: Chival)

Wenn Lernmanagementsysteme verglichen werden, begrenzt sich der Vergleich allzu leicht auf Listen von Funktionen, Features und Erweiterungen. Wie immer kommt es aber darauf an, was man daraus macht und das heißt in erster Linie: Wie geht das System mit seinen Nutzern um? Für welche Nutzer ist es überhaupt konzipiert und optimiert? In meinem zweiten Artikel über die Stud.IP-Philosophie möchte ich erläutern, warum für Stud.IP die Studierenden im Vordergrund stehen und was sie, die Dozenten und die Hochschulen davon haben.

In der Beschreibung eines ganz zufällig ausgewählten E-Learning-Angebotes konnte ich vorhin als stolzen Bericht über ein enthaltenes Feature lesen:

User tracking: Benutzerspezifische Daten des LMS ermöglichen es, die Navigation im Kurs, die Lernzeiten wie auch den Lernerfolg in Test- und Übungsaufgaben zu erfassen und im Hinblick auf die Lernwirksamkeit der Darstellung auszuwerten.

Bei Stud.IP gibt es so etwas nicht. Kein User-Tracking. Keine Speicherung von “Lernwegen”. Wir glauben nicht, dass sich so etwas Komplexes wie die “Lernwirksamkeit” eines E-Learning-Szenarios aus gemessenen Verweildauern, Klick-Pfaden und Aufrufhäufigkeiten ableiten lässt. Wir glauben auch nicht, dass Lehrende bessere Betreuung anbieten können, wenn sie für jeden Einzelnen en detail nachvollziehen können, wann er wie oft und in welcher Reihenfolge was getan hat. Stattdessen glauben wir an Freiheit (as in “free speech”, not as in “free beer”). Wir glauben, dass erfolgreiche elektronische Unterstützung von Lehr-/Lernprozessen kein Mehr an Kontrolle benötigt, sondern im Gegenteil vieles unternommen werden muss, den kalten technischen Raum angenehm und vertrauenswürdig zu machen. Und deshalb heißt es in der Stud.IP-Philosophie über die wichtigste Nutzergruppe:

2. Studierende ernst nehmen.

Studierende sind in Stud.IP keine verwalteten, beobachteten und beaufsichtigten Objekte, sondern die wichtigste Gruppe, die aktiv, eigenverantwortlich und kreativ das “Leben” im System bestimmt. Deshalb heißen Studierende in Stud.IP “AutorInnen”: Sie verfassen Diskussionsbeiträge, stellen Dateien und Lernmodule zur Verfügung und können wie Lehrende auch Informationen über sich selbst frei und flexibel veröffentlichen.

Man muss angesichts dieses Absatzes nicht gleich die Anarchie ausbrechen sehen, angestaubte 68er-Ideale in den Köpfen junger Programmierer angekommen wähnen oder befürchten, dass Stud.IP gänzlich an der Realität deutscher Hochschulen vorbeizielt. Im Gegenteil. Auf unseren Hochschulfluren stehen keine Stempeluhren für vorbeikommende Studierende, die Kopierer merken sich nicht, wer was kopiert hat und kein Buch flüstert dem Dozenten, ob Erwin Meier es wirklich gelesen hat. Stattdessen sind unsere Hochschulen Orte, an denen die Studieren sich einbringen können und lernen sollen, sich einzubringen. Zumindest sollten sie es sein. Und vielleicht – so hoffen wir – hilft Stud.IP ein Stück mit, dass sie auch und gerade im Internet-Zeitalter solche Orte bleiben oder wieder werden.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu: Ein offenes kommunikatives System für alle. und wird fortgesetzt von: Eine attraktive und konsistente Benutzeroberfläche.

The Sprache of eLearning

15.09.2006
Emaille - Judit Sauerland
Zeichnung: Judit Sauerland

Das Wort „eLearning” bezeichnet etwas Modernes, denn es besteht aus einem kleinen e und etwas großem Englischen. So wie eCommerce, eBook, eGovernment, ePaper, eConnectivity, eConsulting, eCruiting, eDating, eWaste-Recycling, eCompetence, eLiteracy, eProcurement, eCollaboration, eLogistics oder eVoting. Gehen die E-Learning-Aktivisten zu sorglos mit der deutschen Sprache um oder gibt es gute Gründe für alle die englischen Begriffe?

Bei der elektronischen Post sieht es mit der Schreibung schon etwas anders aus. Niemand schreibt doch heute noch „eMail”. Lieber EMail oder gar Email. Der Duden will E-Mail, denn das dazugehörige Verb heißt schließlich nicht emaillieren, sondern … emailen? eMailen? Nein, E-Mail ist schon so etabliert, dass das e sogar entfallen darf. Eine Mail forwarden, ein Attachment mailen, beim Surfen schnell noch Mails checken. Wer tut das nicht?

Per U-Boot zum E-Learning

Der Sprachkritiker weiß: Selbstverständlich gehört das alles mit E- geschrieben. So wie U-Boot, S-Bahn, D-Zug oder E-Werk. Das sind solide Dinge. Einem dZug würde niemand vertrauen – bei einem InterCityExpress sieht das interessanterweise schon anders aus. Suggeriert nicht „E-Learning” bleierne Seriosität? Springt nicht „eLearning” Sie hingegen an und ruft: „Hey, ich bin fresh, ich bin der Hype! Gestern hieß ich vielleicht anders, morgen bin ich vielleicht tot. Spring auf und lebe jetzt!”

Sind Sie immer noch nicht überzeugt, dass educational blogging ein must have ist? Dass technology enhanced learning und instructor led teaching sich nicht ausschließen? Dass Videoconferencing unter Cost-Benefit-Gesichtspunkten Rich-Media-Content überlegen sein kann und außerdem social incentives bietet, die eTeaching, eTutoring und selfpaced learning wirklich rewarding machen? Dass mit massively multiplayer online role playing games (MMORPGs) unsere Kids game based eLearning längst leben?

Sind sie ein early adopter?

Oder ärgern Sie als heimlicher early adopter sich maßlos, den Begriff „blended learning” nicht erfunden zu haben, obwohl Sie das schon seit 1999 praktizieren? Sie grübeln noch über den Unterschied zwischen klassischen Learning-Management-Systemen und Web-Based-Learning-Content-Management-Systemen? Verpassen Sie gerade die Diskussion um rapid eLearning? Überlegen Sie hin und her, ob nicht auch Sie ein Blog brauchen, weil niemand mehr eine „Homepage” hat? Dabei ist blogging längst out, podcasting auch: vlogs werden demnächst das Fernsehen ablösen!

E-Learning- und Denglisch-Bashing ist einfach, sozial akzeptiert und lustig. Cave! Schaum wird überall geschlagen. Wer mutmaßt, dass all der glitzernde E-Learning-Schaum nur davon ablenken solle, dass außer Schaum nichts sei, macht es sich zu einfach.

Elektronische Medien und elektronische Kommunikation haben unsere Gesellschaft verändert und verändern auch unsere Universität. Das wirbelnde E-Learning-Geschäft beginnt sich zu konsolidieren. Die derzeit spannendsten Entwicklungen sind nicht (mehr) von technischem Fortschritt gesteuert: Blogs (keine Sorge, die sind nicht wirklich out) hätte es technisch schon vor 10 Jahren geben können. Doch es dauert seine Zeit, bis technische Möglichkeiten ausgelotet sind, sich Sinnvolles von Sinnlosem trennt. Das Spielen mit immer neuen Begriffen und Moden gehört dazu.

The Sprache of E-Learning

Wir bemühen uns – bei der Stud.IP Entwicklung im Ganzen und in diesem unseren kleinen, feinen Blog im Besonderen – für Sie ein wenig vorzusortieren, gemäßigt und bewusst mit der Sprache of E-Learning umzugehen und Wissenswertes allgemeinverständlich darzustellen. Krampfhaftes Eindeutschen aller Begriffe erschwert jedoch die Diskussion, verwirrt und raubt Manchem den zwinkernden Charme des optimistischen Suchens nach Wegen in die Zukunft. Also: Wenn Sie und Ihre Buddys nicht hoffnungslos vernoobt bleiben wollen, loggen Sie sich ein und formen Sie das, was jetzt E-Learning heißt, mit.

Dieser Artikel ist in leicht abweichender Fassung zuerst erschienen in:
learnmedia@uos.de – Informationen, Diskussionen und Praxisberichte rund um elektronisch unterstütztes Lernen und Lehren in Osnabrück.
Ausgabe 1, 2006, S. 16.

#1 Ein offenes kommunikatives System für alle.

11.09.2006
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Raffael: Die Schule von Athen

Platon, Aristoteles, Euklid, Diogenes, Pythagoras und Zarathustra, um nur einige zu nennen, waren schlaue Kerlchen, die sich betimmt allerlei zu erzählen gehabt hätten. Aber damit sie sich zu einer gemütlichen Klönrunde treffen konnten, mussten sie ein gutes Dutzend Jahrhunderte warten, bis Raffael sie in der Schule von Athen versammelte. Heute nennt man dergleichen virtuellen Raum oder prosaischer: Kommunikationsplattform. Die überbrückt zwar keine Jahrhunderte, aber sie führt Menschen zusammen, die sich nicht zur gleichen Zeit am gleichen Ort aufhalten. Der Vergleich mit Größen der Antike und Rennaissance mag etwas pathetisch daherkommen, aber auch hier geht es um etwas Grundlegendes. Die Stud.IP-Philosophie.

Mit der Umstellung auf das neue Entwicklungsmodell im letzten Jahr habe ich gewagt die Frage zu stellen: Was sind eigentlich die Grundsätze von Stud.IP? Das, was für uns die Seele der Software darstellt? Das, was bei allen Erweiterungen, Umbauten und Ergänzungen nicht verloren gehen darf? Herausgekommen ist nach erstaunlich kurzer Diskussion eine Liste von sieben Grundsätzen. Deren erster lautet:

Ein offenes kommunikatives System für alle.

Stud.IP-Nutzer sind nicht allein in den Weiten des Netzes, sondern haben die Möglichkeit, sich im Austausch mit anderen einzubringen. Aktivität steht gegenüber passiver Informationsaufnahme im Vordergrund. Alle NutzerInnen haben die gleichen Grundfunktionen und werden gleichrangig behandelt.

Die Frage “Ja, was denn sonst?” ist nur ansatzweise angebracht. Zwar hat heute auch der letzte E-Learning-Prophet gemerkt, dass neue Schläuche den Nürnberger Trichter nicht plötzlich zu etwas machen, das erfolgreich Wissen und Bildung in die Köpfe der Menschen bringt. Lernen ist ein sozialer Prozess und E-Lernen ergo ein sozialer elektronischer Prozess, der nach adäquaten elektronischen Ausdrucksmöglichkeiten verlangt. Die Natur hat die Menschen ohne Ansehen ihrer Rolle mit den gleichen Grundfunktionen ausgestattet und sie überlässt es ihnen, die Regeln ihrer Kommunikation selbst auszuhandeln. Aber dennoch folgt die Masse der E-Learning-Software einem anderen Modell, das vorgefertigtes Wissen in den Mittelpunkt stellt und sich angestrengt bemüht, den Konsumprozess in leicht handhabbare Bahnen zu lenken. Als spiced ham der kostengünstigeren Massenversorgung wegen in Dosen gepresst unters Volk geworfen wurde, hielt man das für eine revolutionäre Ernährungsidee. Heute ist Spam zum Inbegriff für unverdauliche “Information” geworden, mit der wir von allen Seiten unerwünscht und ohne Abwehrmöglichkeit beworfen werden. Wollen wir hoffen, dass dem Begriff E-Learning nicht das gleiche Schicksal widerfährt.

Wir glauben nämlich an die Schule von Athen, den virtuellen Ort, an dem Menschen voneinander und miteinander lernen und der die realen Orte, an denen wir miteinander reden und einander zuhören, ergänzt. In seinem Kern ist Stud.IP für uns ein solcher Ort.

Dieser Beitrag wird fortgesetzt in: Studierende erst nehmen.