#5 Dezentrale Erfassung und Pflege von Daten

Das Recht auf freie Meinungsäußerung hat den Nachteil, dass mitunter auch Widersprüchliches, Falsches, Dummes oder gar Beleidigendes oder Bösartiges gesagt wird. Wenn wir aber alles in allem nehmen, sind wir doch eher bereit, uns damit abzufinden, als dieses Recht abzuschaffen. Mehr noch: Wir verteidigen es als wichtigtige Errungenschaft und erziehen unsere Kinder dazu, sich in einer Welt vielfältiger Meinungen zurechtzufinden.

Die freie Meinungsäußerung in Stud.IP findet ihren Platz an vielen Stellen: In Foren und Wikis, im Chat und auf den persönlichen Homepages. Unter dem Schlagwort »Studierende ernst nehmen« hat sich bereits der zweite Satz der Stud.IP-Philosophie mit dieser Art von Freiheit befasst. Weitergesponnen verlangt der rote Faden durch Stud.IP – nämlich jedem Nutzer selbst Freiheit zu lassen und jeden Nutzer selbst in die Verantwortung zu nehmen – nach Freiheit und Selbstverantwortung auch für andere Informationen, die nicht individuelle Meinung sind, sondern eher offiziellen Charakter haben.

Die Wikipedia macht es vor: Seriöse und verlässliche Informationen können auch dann entstehen, wenn jeder, der glaubt zu wissen, auf reden darf und Kontrolle eher von unten statt von oben ausgeübt wird. Eric Raymonds The Cathedral and the Bazaar argumentiert für die Softwareentwicklung, dass viele kleine Standbetreiber etwas Verlässlicheres zustande bringen können, als ein über allem thronender Baumeister. Für Informationen in Stud.IP heißt das: Lasst diejenigen Veranstaltungsdaten, Sprechstundentermine und akademische Titel eintragen, die es am besten wissen, also Dozenten und Sekretariate anstelle zentral bestellter Administratoren. Auch auf die Gefahr hin, dass mitunter Uneinheitliches, Halboffizielles oder Anmaßendes erscheint. Die Administratoren kann es trotzdem geben, und sie können eingreifen wenn nötig – aber sie sind nicht das Nadelöhr, durch die jede Information vor ihrer Veröffentlichung (und das hießt dann oft: kurz nach dem Verfallsdatum) gehen muss. Und so heißt es im fünften Punkt der Stud.IP-Philosophie:

5. Dezentrale Erfassung und Pflege von Daten.

Nur wenn Informationen auch dort verändert werden, wo sie anfallen, kann ein aktuelles und zuverlässiges Informationssystem entstehen. Die Erfassung und Pflege von Daten erfolgt daher so dezentral wie möglich und so zentral wie nötig: jede NutzerIn pflegt ihre persönlichen Daten, Lehrende betreuen ihre Veranstaltungen, FachbereichsadministratorInnen verwalten die Mitarbeiterlisten ihrer Einrichtungen, eine RaumadministratorIn vergibt von allen genutzte Räume. Zentrale Eingriffe und Beschränkungen durch AdministratorInnen geschehen transparent, d.h. Nutzer werden über Veränderungen ihrer Daten informiert und können jederzeit einsehen, was über sie gespeichert ist.

Wenn ein solches Modell eingeführt wird, sind Ängste da: Dass jemand für Fehler verantwortlich gemacht wird, die nicht in seinem Einflussbereich liegen. Dass renitente Professoren versuchen, Absprachen und Regelungen zu umgehen. Dass Studierende sich Titel anmaßen und Verwirrung stiften. An der Universität Osnabrück beginnt gerade das achte Semester nach der Umstellung vom Kathedralen- auf das Basar-Modell. Das Ergebnis: Ja, es gibt Fehler, es gibt Ungereimtheiten, es gibt Einzelne, die sich freuen, Extrawürste nicht nur braten, sondern auch an den Mann bringen zu dürfen. Aber es gibt auch: Frühere Ungereimtheiten, die plötzlich auffallen, weil Informationen für jeden sichtbar sind. Oder das Gefühl von eigener Verantwortung, weil die Studierenden jetzt beim Dozenten selbst nachfragen, warum die Informationen nicht da sind, wo sie sein sollten. Und: Fehler und Unstimmiges gab es früher auch, denn die verlässliche, immeraktuelle und konsensfindende zentrale Verwaltung von Daten kostet viel mehr, als sich eine Universität leisten kann oder sollte.

Dieser Beitrag ist eine Fortsetzung zu: #4 Orientierung an den Strukturen deutscher Hochschulen

2 thoughts on “#5 Dezentrale Erfassung und Pflege von Daten

  1. Matthias Schulze

    spannend und hoch interessant. Bei mir besteht immer eine gewisse innere Unruhe – wenn ich Den Verlauf von Foren – Beiträgen einfach exportiere und für eigene Untersuchungen nutze. Gleichzeitig darf ich mich echt glücklich schätzen, dass mich die große Mehrheit der Studierenden, Lehrenden und Verwaltenden noch nicht als „eigentümlichen User“ ermahnt haben, doch bitte zu unterlassen, was ich so tue.

    @Diejenigen die Interesse, an meinen eingepflegten Daten haben – bedient euch, ich bediene mich auch hemmungslos und willkürlich – ethisch hoch opportun, bis ich wirklich merke, hier ist es nicht mehr lustig und es entsteht Stress für alle anderen.
    Sollte dies an irgendeiner Stelle bereits passiert sein – bitte ich darum, nicht zu zögern, sondern ganz klar und deutlich zu sagen, „Schulze!!! Stop jetzt.“ Anders an die Sache herangehen ist okay, Andere mit hineinzuziehen unverantwortlich und nicht mehr auf dem Boden des STUD IP Grundgesetzes.

    Vielen Dank für den Raum zur Formulierung solcher Gedanken.

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