#6 Unterstützung für alle statt Spezialfeatures für wenige.

Der Tumbau zu Babel
Nicht verwirren, sondern klare Wege anbieten!

»Das Zeugsein des Zeugs besteht in seiner Dienlichkeit. Aber wie steht es mit dieser selbst? Müssen wir nicht das dienliche Zeug in seinem Dienst aufsuchen?« (Heidegger)

In seiner ebenso informativen wie amüsanten Reihe zu den Stud.IP-Anfängen erläutert Cornelis sehr schön, was zum einen Triebfeder der Entwicklung war und zum anderen heute noch Hauptunterschied zu anderen Plattformen ist: Stud.IP ist nicht von der Theorie komplexer E-Learning-Szenarien her gedacht, sondern vom »normalen« Nutzer, der in der »traditionellen« Präsenzlehre deutscher Universitäten zu Hause ist und elektronische Unterstützung sucht.

Das heißt: Stud.IP geht nicht von umfassend medienerfahrenen Nutzern aus, für die ein Mehr an Gestaltungs- und Konfigurationsmöglichkeiten, ein Mehr an unterstützten didaktischen Szenarien, ein Mehr an fein abgestuften Varianten automatisch ein Gewinn an persönlicher Freiheit und Entfaltungsmöglichkeiten ist. Sondern: Stud.IP unterstützt besonders denjenigen, der sich langsam herantasten will an etwas Neues, der dankbar ist, wenn ihm eine Umgebung angeboten wird, die bereits so eingerichtet ist, dass er vertraute Begriffe wiederfindet und die Möglichkeiten und Funktionen nicht für jede Veranstaltung neu suchen und einrichten muss, sondern sich schnell und sicher zurechtfindet.

Deshalb lautet der sechste Punkt der Stud.IP-Philosophie:

NutzerInnen mit technischem Know-How und ambitionierten Sonderwünschen brauchen Stud.IP weniger dringend als Studierende und Lehrende mit Berührungsängsten oder wenig Lust und Zeit zur Einarbeitung in komplexe Abläufe. Stud.IP richet sich vor allem an NutzerInnen, die von der Technik eine grundlegende, einfach nutzbare und überschaubare Unterstützung ihrer inhaltlichen Arbeit erwarten. Deshalb soll nur behutsam von der Möglichkeit Gebrauch gemacht werden, beispielsweise aufwendige Content-Projekte mit Stud.IP zu koppeln.

Wir halten diesen Punkt für einen weiteren wesentlichen Baustein des Stud.IP-Erfolges. E-Learning-Spezialwerkzeuge für E-Learning-Spezialisten gibt es viele. E-Learning-Basiswerkzeuge für erfahrene Praktiker in der Präsenzlehre nur wenige.

Doch die Zeit steht nicht still und die Stud.IP-Entwicklung ebensowenig. Musste man vor zehn, fünf oder auch nur drei Jahren noch davon ausgehen, dass normale Lehrende und Studierende unserer Hochschulen wenig Erfahrung im Umgang mit Online-Medien verfügen und daher auch nur wenige Sonderwünsche konkret formulieren können, hat sich das Bild inzwischen etwas gewandelt. Zum Teil auch dank Stud.IP, denn an den Hochschulen, die das System seit längerem einsetzen, ist die Basisunterstützung und -nutzung selbstverständlich geworden. Der Blick der Nutzer weitet sich und die Wünsche werden spezieller. Hinzu kommt der derzeitige Trend zur Systemintegration. Die Anforderung, Stud.IP mit den vor Ort betriebenen Systemen X, Y und Z zu koppeln, gehört zum Standardanforderungskatalog neu hinzukommender Betreiber.

Dieser sechste Punkt der Stud.IP-Philosophie ist zweifelsohne der, gegen den die Entwickler in der Vergangenheit in gewisser Weise am häufigsten verstoßen haben. Zu leicht landen Features im System, die für einen Standort oder eine bestimmte Nutzergruppe genau richtig und perfekt angepasst sind, anderen aber nur zum Teil schmecken. Diesem prinzipiellen Problem begegnen wir auf zwei Weisen:

Eine Plugin-Schnittstelle erlaubt es, beliebig spezialisierten Code zu produzieren, der nicht zur Stud.IP-Grundausstattung gehört, aber von den Betreibern vor Ort einfach hinzugeladen werden kann. Unter http://plugins.studip.de findet sich eine stetig wachsende Liste veröffentlichter Plugins. Wer die einsetzt muss sich darüber im Klaren sein, dass dort nicht alle Punkte der Stud.IP-Philosophie in gleichem Maße gelten und die Lösungen häufig spezifische Fälle abdecken, die nicht mit den eigenen übereinstimmen. Aber dort wie sonst auch gilt: Die Entwickler sind nur eine handvoll Klicks entfernt und helfen gern und schnell.

Die zweite Möglichkeit, speziellere individuelle Ansprüche an Stud.IP als E-Learning-System erfüllen zu können, besteht in der so genannten E-Learning-Schnittstelle. Mit ILIAS und PmWiki lassen sich zwei Systeme, die multimedial aufbereitete E-Learning-Inhalte samt Autorenumgebung vorhalten können, direkt an Stud.IP anbinden. Zwar findet ein gewisser Bruch statt, das Layout ist nicht identisch, ein neues Fenster öffnet sich, aber damit auch beliebige Gestaltungsoptionen. Spezielle vorgefertige Skins und Templates mildern den Bruch ab und das wichtigste: Alle Fragen der Nutzerauthentifizierung und -authorisierung werden unsichtbar im Hintergrund erledigt.

Mit diesen beiden Optionen wird Stud.IP auch für Sonderanforderungen, Spezialanwendungen und ganz individuelle E-Learning-Szenarien zur Schaltstelle und Drehscheibe. Denn das wird von allen Nutzern an »Stud.IP-Hochschulen« immer wieder als der alles schlagende Vorteil genannt: Endlich alles an einem Platz, endlich alles einheitlich geregelt, endlich alles verständlich und sauber immer und von überall zugänglich.

3 Gedanken zu „#6 Unterstützung für alle statt Spezialfeatures für wenige.

  1. Marc Krüger

    Lieber Tobias!

    Keine Frage, StudIP hat seinen Schwerpunkt in der Untestützung der Präsenzlehre. Und gut finde ich auch den sechsten Punkt der Stud.IP-Philosophie.

    Aber: Ich kenne nur ganz wenige LMS, die von der Theorie komplexer E-Learning-Szenarien her gedacht wurden (Moodle und Sarkai auf jedenfall nicht). Meistens sind es jene LMS, die sich auch auf das Bereitstellen von Lerninhalten konzentrieren wie z.B. ilias. Und doch würde ich hier eine dahinterstehende „Theorie komplexer E-Learning-Szenarien“ kaum postulieren, denn ilias stellt lediglich die Mittel für mehr oder weniger komplexe E-Learning-Szenarien bereit – verfolgt hierbei allerdings eine Lernparadigma, was sich an selbstgesteuerten und kooperativen Lernformen orientiert. Aber tun das nicht alle LMS – also auch StudIP? Was sind aus dieser Perspektive heraus LMS dies sich an einer Theorie „komplexer E-Learning-Szenarien“ orientieren?

    Ich finde also die von euch aufgesetzte These hier sehr gewagt. Ihr solltet die guten Alleinstellungsmerkmale von StudIP so nicht verkaufen – es wirkt ein wenig „naja“ – zumindest für den didaktisch orientierten Leser.

    Liebe Grüße

    Marc

  2. Tobias Thelen Beitragsautor

    Hallo Marc,

    Danke für deinen Beitrag! Wir verstehen hier wohl das Wort „Theorie“ unterschiedlich. Mir ging es zunächst um den Unterschied zwischen Systemen, die „vom Reißbrett“ aus erdacht wurden und solchen, die sich aus pragmatischen Bedürfnissen heraus entwickelt haben. Dann denke ich an spezifische Plattformen für Einzelanwendungen, z.B. die, die im Rahmen der 100 BMBF-„Neue Medien in der Bildung“-Projekte entstanden sind. Wie viele davon, haben sich als dauerhaft überlebensfähig erwiesen? Und zuletzt: E-Learning nicht als „virtuelle Hochschule“, die die nicht-virtuelle ersetzt, sondern eben präsenzlehrbegleitend. Dass das alle breit einsetzbaren Plattformen in der einen oder anderen Form unterstützen, ergibt sich aus der Sache selbst, denke ich.

  3. Pingback: Stud.IP-Blog » Blog Archive » #7 Geringstmögliche technische Anforderungen für NutzerInnen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.