Es war einmal: Stud.IP 0.2 – 15 Minuten für den Weltruhm

Sommer 2000: Was man auf einen ersten, unachtsamen Blick für eine Laienspieltruppe halten könnte, die zum ersten Mal mit PHP-Förmchen spielt, sich mit MySQL-Sand bewirft und seltsames HTML sabbert, entpuppt sich schnell als eine hochmotivierte und nahezu unbezahlte Arbeitsgruppe, die verbissen ihre Vision eines Lernmanagement-Systems (LMS) umsetzt. Zu diesem Zeitpunkt ist allerdings noch niemand auf die Idee gekommen, über den Tellerrand zu schauen. Man glaubt also noch, etwas konkurrenzlos Einzigartiges zu erschaffen.
Der Kommunikationswissenschaftler namens Ralf Stockmann wirft im sekundentakt neue Programmieraufgaben an seine Hiwis aus, die eigentlich für andere Aufgaben wie Kaffeekochen oder IT-Babysitting bei Dozenten eingestellt wurden, aber irgendwie in seine Fänge geraten sind. Manche freiwillig, wie der blutjunge Student Cornelis Kater, andere über geringfügige Geldversprechen. Der einzige, der Ralfs Tatendrang gelegentlich stoppt, ist der Biologe, der niemand anders ist als Stefan Suchi:
„Also, in dieser Woche müssen die Veranstaltungsverwaltung, die Nutzerhomepage, das Dateisystem, toll aussehende Reiter…“
„Wir brauchen ein Rechtesystem. “
„…Newsfunktion, Einrichtungsverwaltung…“
„Das bringt alles nichts ohne ein Rechtesystem!“
„…Teilnehmerliste? Wer redet hier denn immer von einem Rechtesystem? Ist so was wichtig?“
„Ja. Ohne ein Rechtesystem gäbe es keinen Administrator, der du bestimmt sein willst. Also?“
Ralf gibt sich geschlagen, die Programmierer ergeben sich ihrem Schicksal und begeben sich zurück an die Arbeit in ihren düsteren Parzellen, die früher einmal Krankenhauszimmer gewesen sind.

Bevor jedoch die Version 0.2 einer breiten Öffentlichkeit – nämlich allen Studierenden in allen Veranstaltungen des frisch gegründeten Zentrums für interdisziplinäre Medienwissenschaft – zugänglich gemacht werden kann, müssen jedoch noch zwei wichtige Dinge gefunden werden: Ein Name für die Software und jemand, der es schafft, dass sie tatsächlich fertig wird.
Um das erste Problem zu lösen, betritt Cornelis noch nichts ahnend Ralfs Büro, in keinster Weise auf die schwere Bürde vorbereitet, die ihm nur Sekunden später aufgelastet werden wird.
„Wir müssen uns mit dem „Internet und Datenbanken“-Projekt für einen Wettbewerb bewerben und brauchen dafür einen wohlklingenden Namen. Du hast jetzt die Möglichkeit, viel Ruhm und Ehre zu ernten und dir diesen auszudenken.“
„Ok, cool. Ich grübele dann mal, kläre die internationalen Namensrechte…“
„Wir haben nur 15 Minuten. Und es müssen die Begriffe „studentisch“, „Internet“ und „Präsenzlehre“ vorkommen.“
„Uh…“
„Und, kochst du uns vorher noch einen Kaffee? Soviel Zeit muss sein!“
Wenig später ist der „Studentische Internetsupport von Präsenzlehre“ geboren (das Wort studentisch wird später allerdings klammheimlich gegen studienbegleitend getauscht) und wird fortan verkürzt als Stud.IP bezeichnet.

Ein Problem für den Fortschritt der Programmierarbeiten sind die beiden Tagelöhner, die frühzeitig als Programmierer angeheuert wurden. Der eine von beiden klaut seinen Code lediglich zusammen, während man bei dem anderen hofft, der Code wäre wenigstens von etwas halbwegs Funktionierendem geklaut.
„Die Zeit wird langsam knapp und Stud.IP ist ist noch lange nicht einsatzfähig… Wir haben lauter nette Einzelteile, ein halbfertiges Rechtesystem, eine desolate Nutzerhomepage aber viel zu wenig Programmierer und viel zu wenig Zeit“ panikt Ralf.
„Wir müssen nebenbei auch noch studieren und Schlafen soll eine feine Sache sein, haben wir gehört.“ werfen die drei Hiwis im Chor ein.
Ralf überlegt eine Weile und stellt dem Team wenig später André Noack vor, einen alten Kollegen aus den Zeiten der Computerkistenschieber, bei denen sie gemeinsam während ihres Studiums Kisten geschoben haben. Nicht wissend, wie ihm geschieht, muss André noch schneller als alle anderen Programmieren lernen. Eine Entscheidung, die für das Projekt nicht besser hätte sein können. Und das, obwohl André ein Sakrileg begehend als erstes eine Teemaschine im Projektbüro aufbaut.

Wenige Monate später fluten die Studierenden des neuen ZiM das System, das nur gefühlte Sekunden zuvor fertig geworden ist.
Diese Version zeigt auch, warum das Hintergrundbild in Stud.IP bis heute den Namen „bathtile.jpg“ trägt, denn aus unerfindlichen Gründen fühlten sich die damaligen Programmierer nur wohl, wenn sie die Software vor einem Badezimmerfliesenhintergrund gestalten durften…

Bathtile 2000

3 Gedanken zu „Es war einmal: Stud.IP 0.2 – 15 Minuten für den Weltruhm

  1. Ralf Stockmann

    Jawohl, genauso war es!
    Glaube ich zumindest.
    Konnte André nicht schon etwas PHP, damals?

    Und:
    Man sollte keineswegs verschweigen, dass ich damals nicht nur kommandiert habe, sondern auch eine ganze Menge Code selber programmiert habe!
    Aus verständlichen Gründen sollte man aber sehr wohl verschweigen, WAS für Code das genau war .

  2. Cornelis Kater Beitragsautor

    Stimmt, das wollte ich eigentlich auch nicht unterschlagen. Naja, was wir so programmiert haben, wird sicherlich in den nächsten Teilen auch noch beschrieben werden.
    Es fehlen ja noch 13 bis zur aktuellen Version… 😉

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