Es war einmal: Stud.IP 0.3 – Arbeiten am offenen Herzen

Ende 2000: Die Studierenden am frisch gegründeten Zentrum für interdisziplinäre Medienwissenschaft an der Universität Göttingen dürfen zum ersten Mal einen Blick in die Glaskugel werfen, die die Zukunft der digitalen Lernumgebungen an deutschen Hochschulen zeigt. Noch herrscht jedoch Unsicherheit ob der vielfältigen Möglichkeiten, die sich durch Stud.IP ergeben:

„Der Herr Stockmann hat gesagt, dass wir die Unterlagen zu seiner Lehrveranstaltung nur im… ähm… Studdipp bekommen, oder wie das heißt. Wie geht denn das?“
Cornelis und André unterbrechen leicht genervt die Arbeit und schauen sich an.
„Los, du bist dran. Ich muss hier noch dringend den Bildupload korrigieren.“
„Ich kann nicht, ich habe hier noch 5 Fehler im Dateibereich und in 30 Minuten gibt Ralf eine Einführung in der Grundlagenveranstaltung mit 250 Teilnehmern, da muss das wenigstens so aussehen, als würde es funktionieren. Außerdem ist deine Teemaschine schon wieder kaputt, du bist uns also noch was schuldig“

André seufzt, räumt einen Kasten Kabel weg, so dass die blutjungen Studierenden Platz genug haben um in das mit viel zu viel Computermüll vollgestellte Büro der EDV-Abteilung eintreten zu können.
Da die Nutzer kaum ahnen können, welche großen Ziele sich die Programmierer vom ersten Tag an gesetzt haben, sind sie auch mit dem halbfertigen Konstrukt ausgesprochen zufrieden. Dank der zwangsweisen Nutzung in den wichtigsten Lehrveranstaltungen des ZiM wird Stud.IP schnell angenommen. Dass allerdings tatsächlich immer mehr reale Menschen die Software benutzen, ist für die Programmierer zunächst schwer zu fassen.

„Das System läuft erst seit 6 Wochen und wir haben schon 287 Nutzer, kaum zu glauben!“
„Machen wir ein Fass auf“
„Ihr müsst heute Abend noch ein paar Bugs fixen, da ist mir heute noch so einiges aufgefallen“ kommt Ralf die Stimmung verderbend hinzu.
„Dreck, na, dann machen wir eben kein Fass auf.“
„Aber jetzt schon 288 Nutzer!“

Allerdings treibt Ralf nicht nur die Programmiererkollegen an, sondern auch sich selbst: Seine ganze Liebe gilt dem Forensystem. Bei den mittlerweile üblichen Treffen, die jede Woche Abends im kalten Hörsaalgebäude während eines Unikinos stattfinden, programmiert er mit Bier und Notebook auf den zugigen Fluren weiter, vor allem wenn wieder einmal alle Beiträge verschwunden sind oder diese willkürlich Personen zugeordnet werden.
Diese Arbeiten am offenen Herzen des neugeborenen Systems führen in der Anfangszeit des Öfteren zum Chaos: Versionsverwaltung, Testsysteme, automatischer Abgleich der Arbeit von verschiedenen Programmierern an gleichen Systemteilen sind noch lange nicht eingeführt. Jede Änderung wird direkt in den laufenden Betrieb geworfen, erbitterte Kämpfe, wer denn zuletzt die richtigste Änderung an einer Datei vorgenommen hat, gehören zum Alltagsgeschäft.

„Ich habe die ganze Nacht daran gearbeitet, dass alle Seiten die gleichen hübschen blauen Balken oben haben und du hast einfach heute alles überschrieben.“, jammert Cornelis, der sich schon zu diesem Zeitpunkt als unerbittlicher Überwacher der optischen Konsistenz gibt.
„Entschuldige, aber ich musste einfach quer durch das System etwas an den Rechteüberprüfungen machen.“ Auch bei André ist bereits die weitere berufliche Laufbahn zu erkennen, sprich, vor allem die Programmqualität der Software zu überwachen.
„Machst du wenigstens einen Tee?“
„Ich versuchs.“

Im Göttinger-Feedbackforum findet sich noch heute das erste Statement eines Nutzers zu Stud.IP:

„Stud.IP ist eine sinnvolle und praktische Sache, jeder sollte sich meiner Meinung nach (und die ist in diesem Fall zu befolgen!) hier schnellstmöglich registrieren. Denn man kann sich scher einige unnötige Wege und Fragen sparen, wenn man hier den Überblick hat. Die Homepages sind ein nettes Feature, die Seminarübersicht ist sehr gut. Schnelligkeit und Benutzerfreundlichkeit lassen nach meinem bisherigen Erkenntnisstand ebenfalls kaum zu wünschen übrig. Wenn das wirklich erst ein Teil der angestrebten Funktionen ist, braucht ja kein Mensch mehr zur Uni kommen, wenn das hier fertig ist. Im Sinne der Erfinder? Egal…“

Aufgrund eines seltsamen Fehlers im Forum irgendwann im Jahr 2001 lässt sich das genaue zugehörigen Datum allerdings leider nicht mehr rekonstruieren…

5 Gedanken zu „Es war einmal: Stud.IP 0.3 – Arbeiten am offenen Herzen

  1. André Noack

    Das Datum (mkdate) ist in der Datenbank erhalten geblieben:
    Posting Nr. 131 , 2000-10-24 21:15:47

  2. jfe

    Wenn man die aktuelle Entwicklung verfolgt hat man manchmal den Eindrucks, dass die Operation am offenen Herzen noch nich abgeschlossen ist…..

  3. jfe

    Als ich damals den Beitrag schrieb, bezog ich mich auf den image-proxy, der in seinen ersten Versionen in Produktivsystemen doch einen reichlich halbgaren Eindruck machte.

    Und wenn ich gerade die Diskussion um register_globals verfolge bin ich auch nicht so sicher, ob ich dem System überhaupt noch irgendetwas anvertrauen möchte. Dass es möglich war sich mit einem unter eigener Kontrolle stehenden System gegenüber Studip zu identifizieren ist nicht gerade Vertrauen erweckend.

  4. Marcus

    > Dass es möglich war sich mit einem unter
    > eigener Kontrolle stehenden System gegenüber
    > Studip zu identifizieren ist nicht gerade
    > Vertrauen erweckend.

    Was meinst du damit genau?

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